Zwanzig Jahre nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit befindet sich Montenegro, das seinen europäischen Weg vollendet hat, erneut im Zentrum historischer Prozesse. Die Betrachtung nationaler Errungenschaften, der staatlichen Souveränität und des komplexen Transformationsprozesses, der Montenegro in die NATO und an die Schwelle der Europäischen Union geführt hat, ist ein wichtiger Bestandteil des aktuellen öffentlichen Diskurses. Doch inmitten dieser berechtigten Selbstbestätigung bleibt ein wichtiger Aspekt oft unzureichend beleuchtet: die Frage, wie sich die Identität Montenegros künftig entwickeln wird.
Denn Unabhängigkeit ist, wie demokratisches Zusammenleben, kein Endpunkt, sondern ein fortlaufender Prozess. Und dieser Prozess führt Montenegro heute unweigerlich in eine neue Phase – hin zu einer europäischen Zukunft, die ethnischen, religiösen oder nationalen Identitäten nicht widerspricht, sondern sie vielmehr ergänzt und erweitert.
Aus diesem Grund hat Montenegro in diesem Jahr gleich doppelten Grund zum Feiern. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union werden die Bürgerinnen und Bürger Teil des weltweit größten Friedensprojekts und des größten Binnenmarktes, und die jungen Menschen Teil eines gemeinsamen Raums für Wissenschaft und Bildung. Solche Erfahrungen schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl – nicht abstrakt, sondern konkret und persönlich – und können zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.
Mehr als ein politisches Projekt
Montenegros europäische Integration wird in der öffentlichen Debatte oft primär als politisch-technischer Prozess der sogenannten „politischen Elite“ betrachtet – als eine Reihe von Reformen, Verhandlungen und institutionellen Anpassungen. Die Europäische Union ist jedoch weit mehr als ein Binnenmarkt oder ein Staatenbündnis – sie ist auch ein Raum gemeinsamer Werte, gemeinsamer Verantwortung und einer einzigartigen gemeinsamen Identität.
Für Montenegro ist ein EU-Beitritt dank der entschlossenen Schritte der politischen Elite und der großen Unterstützung der montenegrinischen Bevölkerung nun in greifbarer Nähe. Dies bedeutet jedoch nicht nur eine geopolitische Positionierung, sondern auch eine Erweiterung der Identität. Neben der bestehenden nationalen, kulturellen, religiösen und historischen Identität entsteht eine weitere: die europäische.
Die europäische Identität zeigt sich ganz konkret im Alltag – etwa wenn Studierende aus Montenegro im Rahmen von Programmen wie Erasmus+ in Berlin, Rom oder Paris studieren und dort lebenslange Freundschaften schließen. Sie spiegelt sich auch darin wider, dass junge Unternehmer Zugang zu europäischen Märkten, Fördermitteln und Netzwerken erhalten. Darüber hinaus wird sie sich in gemeinsamen Standards in Bereichen wie Umweltschutz, Verbraucherrechten und Arbeitsrechten manifestieren, die die Lebensqualität aller Bürger verbessern.
Durch solche Erfahrungen entwickelt der Einzelne ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer größeren europäischen Gemeinschaft, das im Laufe der Zeit Teil seiner Identität wird.
Diese zusätzliche Identität eröffnet neue Perspektiven, ermöglicht eine vereinfachte grenzüberschreitende Zusammenarbeit und schafft einen Rahmen, in dem Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrgenommen werden.
Europäische Identität ist die neue Qualität der montenegrinischen Zukunft
Die jungen Menschen in Montenegro wachsen bereits in einer Realität auf, die europäischer ist als je zuvor – durch Bildung, Austauschprogramme, digitale Vernetzung und gemeinsame soziale Herausforderungen.
Diese Generation erlebt europäische Zugehörigkeit als Teil ihres Alltags. Sie denkt nicht in Kategorien von „entweder-oder“, sondern eher in Kategorien von „sowohl“: montenegrinisch und europäisch.
Darin liegt eine große Chance. Eine solch vielschichtige Identität kann die Schärfe bestehender Spaltungen abmildern und zu mehr Offenheit, einem breiteren Dialog und einem stärkeren sozialen Zusammenhalt in Montenegro beitragen.
Die europäische Identität verlagert den Fokus von dem, was trennt, hin zu dem, was verbindet. Gerade diese vielschichtige Identität ist eine Stärke und eine Chance.
Verantwortung und Perspektive
Mit dieser Perspektive geht Verantwortung einher. Europäische Identität entsteht nicht automatisch durch die formale EU-Mitgliedschaft. Sie muss gelebt, geprägt und stetig neu gestaltet werden – durch aktives Bürgertum, gesellschaftliches Engagement und eine lebendige demokratische Kultur.
Junge Menschen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind es, die diese neue Dimension der Identität mit Inhalten und neuen Perspektiven für ihre Gesellschaft und ihr Land füllen werden. Daher ist die Möglichkeit, ihre Ideen auszudrücken und aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken, keine Option – sondern eine Notwendigkeit.
Blick nach vorn
Zwanzig Jahre seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit sind nicht nur ein wichtiges Jubiläum, sondern auch eine Gelegenheit für alle Bürgerinnen und Bürger, ihren Blick, ihre Gefühle, Hoffnungen und Erwartungen auf die europäische Zukunft und all die Chancen und Möglichkeiten zu richten, die diese Zukunft mit sich bringt.
Montenegro, tief verwurzelt in all seinen religiösen, ethnischen und nationalen Identitäten und ihrer Vielfalt sowie seiner europäischen Identität, hat die Chance, seine Staatlichkeit zu stärken und sein kulturelles und historisches Erbe zu bewahren. Als solches ist es gleichzeitig Heimat von Montenegrinen, Serben, Bosniaken, Albanern, Muslimen, Roma und Kroaten – und ein aktiver Teilnehmer am gemeinsamen europäischen Raum.
Der Autor ist Direktor der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung für Montenegro.
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