Die weltweiten Protestwellen gegen Arbeitslosigkeit, Korruption und schlechte Lebensstandards sind vor allem wegen ihrer Anführer so auffällig. Junge Menschen nutzen Social-Media-Plattformen wie Facebook, TikTok, Instagram und YouTube, um Informationen zu verbreiten und Demonstrationen zu organisieren.
Während einige dieser Proteste friedlich verliefen, wurden andere – wie etwa die von Jugendlichen in Indonesien und Nepal – gewalttätig. Ende August starben bei Protesten in Indonesien zehn Menschen, als die Wut der Bevölkerung über die Lebenshaltungskosten und die soziale Ungleichheit explodierte, nachdem die Polizei einen Lieferboten erschossen hatte.
In Nepal starben 72 Menschen, als sich Demonstrationen gegen ein Social-Media-Verbot Anfang September zu Massenprotesten gegen politische Instabilität, Korruption in der Elite und wirtschaftliche Stagnation entwickelten. Anführer der Proteste der Generation Z erklärten, die Bewegung sei von opportunistischen Infiltratoren „gekapert“ worden.
In den letzten Wochen protestierten junge Menschen, offenbar inspiriert von den Bewegungen in Indonesien und Nepal, in drei weiteren Ländern gegen ihre Regierungen.
Peru
Hunderte junge Menschen marschierten Ende September durch Perus Hauptstadt Lima, um gegen die Rentenreform zu protestieren, die junge Peruaner künftig dazu verpflichten würde, in private Rentenfonds einzuzahlen. Eine Woche später schlossen sich den Demonstranten auch Transportarbeiter an und marschierten zum Kongressgebäude in der Innenstadt von Lima.
Bei den Zusammenstößen am 29. September – während einer Protestkundgebung des Jugendkollektivs „Generation Z“ – warf die Menge Steine und Molotowcocktails auf die Polizei, die mit Tränengas und Gummigeschossen reagierte und dabei mindestens 18 Demonstranten verletzte.
Die Proteste fanden Monate nach der Verdoppelung ihres Gehalts durch Perus Präsidentin Dina Boluarte statt. Dieser Schritt, der trotz einer historisch niedrigen Zustimmungsrate von nur zwei Prozent erfolgte, wurde von vielen peruanischen Social-Media-Nutzern als „skandalös“ bezeichnet.
Junge Menschen im Land sind mit Arbeitsplatzunsicherheit und hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert. Viele argumentieren, dass die Regierung nicht genug gegen Bandenkriminalität, Korruption und die wachsende Unsicherheit unternimmt.
Die Zahl der Berichte über Erpressungsfälle in Peru hat sich in den letzten fünf Jahren versechsfacht. Daten, die 2024 von der peruanischen Forschungsagentur Datum Internacional veröffentlicht wurden, zeigen, dass rund 38 % der Peruaner angeben, von Erpressungsfällen in ihrem Umfeld zu wissen.
Die jüngsten Rentenreformen haben die bestehende Unzufriedenheit weiter angeheizt. Nach wochenlangen Rücktrittsforderungen für die Regierung von Dina Boluarte stimmten die peruanischen Abgeordneten am 9. Oktober für ihre Entlassung. Neuwahlen sind für April 2026 geplant.
Marokko
Ein anonymes Jugendkollektiv namens Gen Z 212 – eine Anspielung auf die internationale Vorwahl Marokkos – steht im Zentrum der Proteste, die sich seit dem 27. September auf zehn marokkanische Städte ausgeweitet haben.
Die Gruppe organisierte und koordinierte Demonstrationen über TikTok und Instagram sowie die Gaming- und Streaming-Plattform Discord. Die Discord-Mitgliederzahl von Gen Z 212 stieg von weniger als 1.000 beim Start des Kanals am 18. September auf über 180.000 am 8. Oktober.
Die Bewegung begann im August, nachdem acht Frauen während der Entbindungsbehandlung in einem öffentlichen Krankenhaus in Agadir, einer Stadt an der Südküste Marokkos, gestorben waren. Der Vorfall löste eine Welle der Empörung über den Zustand der öffentlichen Dienste im Land aus.
Laut Daten der Weltbank aus dem Jahr 2023 gibt es in Marokko nur 7,8 Ärzte pro 10.000 Einwohner – weit unter dem Standard der Weltgesundheitsorganisation, der mindestens 23 Ärzte pro 10.000 Menschen empfiehlt.
Marokko investiert derzeit fünf Milliarden Dollar in den Bau des größten Fußballstadions der Welt. Es ist Teil der Vorbereitungen für die gemeinsame Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2030 mit Portugal und Spanien. Viele Marokkaner sind der Meinung, die Regierung habe falsche Prioritäten gesetzt. Menschenmengen skandierten Slogans wie: „Wir wollen Krankenhäuser, keine Fußballstadien.“
Die Polizei reagierte auf die Proteste mit der Festnahme Hunderter Menschen. In einigen Teilen des Landes kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Drei Menschen wurden am 1. Oktober getötet, nachdem Demonstranten angeblich versucht hatten, eine Polizeistation im Dorf Lklia nahe Agadir zu stürmen. Die Behörden bezeichneten dies als „legitime Selbstverteidigung“.
Der marokkanische Premierminister Aziz Ahanoush hat die Generation Z 212 zum Dialog mit der Regierung aufgerufen. Die Gruppe hat eine Liste mit Forderungen vorgelegt, die grundlegende Bedürfnisse wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnen, Transport und Beschäftigung abdecken. Die Proteste gingen jedoch weiter.
Madagaskar
Bei regierungskritischen Protesten in Madagaskar wurden in der ersten Oktoberwoche mindestens 22 Menschen getötet und über 100 verletzt. Koordiniert wurden die Proteste von der Online-Bewegung „Gen Z Mada“. Doch mit Beginn der Demonstrationen beteiligten sich auch Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen und mehrere Politiker.
Die Bewegung begann nach der Verhaftung zweier Politiker, Clemence Raharinirine und Baba Faniri Rakotoariso, am 19. September. Beide riefen die Bürger öffentlich dazu auf, in der Hauptstadt Antananarivo friedlich zu demonstrieren, da es Probleme mit der Wasser- und Stromversorgung der Insel gab.
Bei den Demonstrationen ging es zunächst um den Mangel an lebensnotwendigen Gütern, eine Stromkrise, Arbeitslosigkeit und Korruption. Doch schon bald eskalierten die Proteste zu Forderungen nach dem Rücktritt des madagassischen Präsidenten Andry Rajoelina, den die Demonstranten für die Probleme des Landes verantwortlich machen.
Rajoelina versuchte, die Proteste zu beruhigen, indem er seine Regierung auflöste und zu einem „nationalen Dialog“ mit der Mada-Bewegung der Generation Z aufrief. In einer Rede im staatlichen Fernsehen sagte er: „Wir erkennen an und entschuldigen uns, wenn die Regierungsmitglieder die ihnen anvertrauten Aufgaben nicht erfüllt haben.“
Dieser Schritt beendete die Proteste jedoch nicht. Rajoelina ernannte daraufhin den Armeegeneral Roupin Fortunat Zafisamba zum neuen Premierminister und verhängte in Antananarivo eine strenge Ausgangssperre mit starker Sicherheitspräsenz, um die Proteste niederzuschlagen.
Die Demonstranten schworen jedoch, den Kampf fortzusetzen und schwenkten Transparente mit der Aufschrift „Rajoelina raus“. Der Präsident floh unterdessen aus dem Land, nachdem sich Teile der Armee den Demonstranten angeschlossen hatten.
Im Kampf gegen Ungleichheit folgen junge Menschen in Entwicklungsländern einem bewährten Weg. In Sri Lanka und Bangladesch haben in den letzten Jahren von Jugendlichen angeführte Proteste Regierungen gestürzt. Diese Bewegungen scheinen junge Menschen weltweit zu inspirieren, ihre Macht zu stärken und mehr von den etablierten Eliten zu fordern.
Übersetzung: NB
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